Fr

20

Apr

2018

Jawohl, Hoheit!

"Smart Speaker" wie Amazons Echo, besser bekannt unter dem Rufnamen Alexa, erobern die Haushalte. Allein in Deutschland wurden im letzten Jahr dem Vernehmen nach anderthalb Millionen Geräte verkauft. Damit zeichnet sich nun deutlich ab, was ich bereits vor zwanzig Jahren vermutet habe: Die Sprachkommunikation mit technischen Geräten wird zur Norm.

 

Was es für die Zukunft des Lesens bedeutet, wenn man gar nicht mehr lesen können muss, um in einer immer stärker automatisierten Welt klarzukommen, will ich mir gar nicht ausmalen. Aber auch, wenn ich in meinen Büchern gern die Schattenseiten moderner Technik skizziere, bleibe ich doch fasziniert von den neuen Möglichkeiten, probiere sie aus und teste ihre Grenzen, wann immer ich kann. Besonders angetan hat es mir dabei "unsere" Alexa, die inzwischen quasi zum Familienmitglied geworden ist und sich auf mittlerweile fünf Echo-Geräten im ganzen Haus ausgebreitet hat.

 

Alexa ist nicht nur praktisch, sie kann auch Spaß machen (und erzählt sogar noch schlechtere Witze als ich, was sie mir umso sympathischer macht). So bietet sie zum Beispiel einige einfache Spielmöglichkeiten an. Von Anfang an fand ich daran die Tatsache spannend, dass sie kein Grafikdisplay besitzt und die Spiele allein auf Texten basieren. Denn gerade diese Beschränkung eröffnet neue kreative Möglichkeiten.

 

Als ich Anfang der Achtzigerjahre meinen ersten Computer (einen TI-99/4a mit stolzen 16 Kilobyte Hauptspeicher und einem Kassettenrekorder als einzigem Speichermedium) kaufte, hatte er zwar schon ein recht primitives Grafikdisplay mit immerhin 16 Farben. Aber die coolsten Spiele (fand ich jedenfalls) waren allein textbasiert, wie etwa das legendäre Abenteuer "Zork". Ich war so begeistert von diesen frühen Vorläufern virtueller Welten, dass ich beschloss, selber programmieren zu lernen, und auch solche Textadventures zu schreiben. So sammelte ich erste Erfahrungen mit der Interpretation natürlicher Sprache, die später zu meiner Promotion über künstliche Intelligenz und der Gründung einer Softwarefirma in diesem Bereich führten.

 

Textbasierte Spiele sind mittlerweile längst in Vergessenheit geraten - bis jetzt! Denn die Beschränkungen der Smart Speaker führen dazu, dass heute die Techniken, die ich vor mehr als dreißig Jahren lernte, wieder aktuell werden. Also habe ich meine angestaubten Programmierkenntnisse hervorgekramt und versucht, selber einen so genannten "Skill" für Alexa zu entwickeln. Das war nicht ganz einfach (immerhin sind dreißig Jahre ins Land gegangen, und man programmiert heute nicht mehr in BASIC oder Pascal), aber ich habe es geschafft und präsentiere heute stolz meinen ersten veröffentlichten Alexa-Skill namens "Jawohl, Hoheit!"

 

In diesem recht einfachen (aber hoffentlich unterhaltsamen) Spiel bestimmt man das Schicksal eines Herzogtums, indem man Alexas Fragen mit "Ja" oder "Nein" beantwortet. Aber Achtung, jede Entscheidung hat Konsequenzen, und nur allzu leicht kann es passieren, dass man pleite geht, die eigenen Untertanen rebellieren oder die fiesen Mogelheimer aus dem Nachbar-Fürstentum das Land überfallen. Wie alle Alexa-Skills ist natürlich auch dieser kostenlos. Falls einer meiner Leser eine Alexa besitzt, würde ich mich freuen, wenn er das Spiel testet und mir Feedback gibt!

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Mo

16

Apr

2018

Interaktiver Teaser für Boy in a White Room

Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne mit interaktiven Technologien experimentiere. So erschien bereits 2011 "Glanz" als erster Roman zeitgleich als interaktives und reguläres E-Book. Letztes Jahr kam der interaktive Minecraft-Roman "Nanos Abenteuer" auf den Markt. Nun habe ich für "Boy in a White Room" einen kleinen interaktiven "Teaser" (eine Art Appetithappen) erstellt, der ab sofort kostenlos ausprobiert werden kann. Viel Spaß!

 

Weitere Experimente können für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden.

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Do

22

Mär

2018

Warum das Facebook-Cambridge Analytica-Desaster gut für die Demokratie sein könnte

In meinem Roman "Mirror" beschreibe ich, wie Menschen von ihren intelligenten, vernetzten Smartphone-ähnlichen Geräten manipuliert werden. Das ist nicht viel mehr als eine Projektion der Entwicklung, die 2015 - zum Zeitpunkt, als ich das Buch schrieb - bereits deutlich erkennbar war. Allerdings ahnte ich damals nicht, wie nah wir dem im Buch beschriebenen Szenario bereits sind.

 

Dass Firmen wie Facebook, Google und Amazon unsere Daten aus rein kommerziellen Motiven sammeln und sie an Leute weiterverkaufen, die sie nutzen, um uns zu manipulieren, ist seit Langem klar. Wie Jon Callas in einem Zeit-Artikel bereits 2011 treffend schrieb, sind wir Nutzer aus Sicht von Facebook & Co das, was für den Bauern Salatköpfe sind, "und bei der Ernte versteht der Bauer keinen Spaß."

 

Für einen Thrillerautor wie mich ist es nur allzu leicht vorstellbar, dass diese Entwicklung mit fortschreitender künstlicher Intelligenz außer Kontrolle geraten und üble Folgen haben könnte. Manchmal wird man dann aber doch von der Realität überholt und muss feststellen, dass die eigene Fantasie nicht ausreichte, um sich vorzustellen, was tatsächlich passiert. Dass ein offensichtlich für das Amt völlig ungeeigneter, narzisstischer Lügner wie Donald Trump mit Hilfe solcher mehr oder weniger subtiler Manipulationen auf Basis unserer Nutzerdaten US-Präsident wird, hätte ich jedenfalls nicht für möglich gehalten. Hätte ich so etwas in einem Roman geschrieben, hätten mir meine Leser eine scheinbar so weit hergeholte Geschichte wohl niemals geglaubt.

 

Auch wenn unklar bleibt, wie groß der Einfluss von Cambridge Analytica und russischen Trollen auf die US-Wahl tatsächlich war, lässt sich deutlich erkennen, dass soziale Medien und das Internet zu einer Radikalisierung und Spaltung der Gesellschaft führen. Schuld daran ist primär die "Filterblase", die dazu führt, dass wir immer mehr in unseren eigenen vorgefassten Meinungen bestärkt werden und immer weniger verstehen, warum andere Menschen anderer Ansicht sind. Statt den Meinungspluralismus zu fördern, bewirken die Algorithmen von Facebook, Google und Amazon genau das Gegenteil: Sie verstärken Intoleranz, Misstrauen, totalitäre Sichtweisen und Hass. Genau diese Gefühle verstehen Demagogen wie Trump, Erdogan und Putin zu schüren und für sich zu nutzen.

 

Ein interessantes Beispiel dafür liefert ein Bericht der New York Times über die immer radikaleren Videos, die der Vorschlagsalgorithmus von Youtube liefert: Ganz egal, welcher Meinung man ist, wenn man lange genug auf Youtube bleibt und sich die automatisch vorgeschlagenen Videos anschaut, sieht man immer radikalere Versionen dieser Meinung, bis hin zu absurden Verschwörungstheorien.

 

Was können, was müssen wir dagegen tun, wenn uns die Zukunft der freiheitlichen, pluralistischen Demokratie nicht egal ist? Unseren Facebook-Account kündigen? Facebook unter staatliche Aufsicht stellen, wie es Jon Callas fordert?

 

Ich persönlich bezweifle, dass das viel nützen würde. Die Technologie entwickelt sich viel zu schnell, um durch staatliche Aufsicht kontrolliert werden zu können. Und auch Technik-Abstinenz erscheint mir nicht die Lösung, denn einerseits kann Technik - auch Facebook - sehr nützlich sein, und andererseits können wir es uns schlicht nicht leisten, die Digitalisierung einfach zu ignorieren.

 

Natürlich liegt die Verantwortung für Datenmissbrauch vor allem bei den beteiligten Technologiefirmen, die endlich sorgsamer mit unseren Daten umgehen müssen. Mark Zuckerbergs lauwarme und reichlich späte Erklärung, dass jetzt alles besser wird und man im übrigen schon vor Jahren alle nötigen Maßnahmen ergriffen habe, überzeugt mich allerdings nicht. Und von börsennotierten Unternehmen, die ihr Geld mit unseren Daten verdienen, Zurückhaltung und Anstand zu erwarten, ist wohl naiv.

 

Die Einzigen, die effektiv etwas tun können, sind wir Nutzer selbst. Wir müssen lernen, vorsichtiger mit unseren Daten umzugehen, und genauer überlegen, was wir mit wem online teilen. Viel wichtiger aber: Wir müssen eine gesunde Skepsis gegenüber dem entwickeln, was uns das Internet als "Realität" vorgaukelt. Wir brauchen eine Art geistiges Immunsystem gegen Manipulation, Lügen und trickreiche Argumentation. So, wie wir gelernt haben, dass eine E-Mail-"Gewinnbenachrichtigung" höchstwahrscheinlich Spam oder Phishing ist und sich unsere Freude darüber in Grenzen hält, so müssen wir besonders misstrauisch gegenüber jeder Nachricht werden, die nur allzu gut in unser eigenes Weltbild passt und alles zu bestätigen scheint, was wir schon immer über "die anderen" dachten. Statt uns durch Algorithmen noch weiter zu radikalisieren, müssen wir lernen, wieder auf Andersdenkende zuzugehen - sogar auf die Leute, die Trump gewählt haben oder Putin oder Erdogan toll finden. Das geht am besten, indem man mit anderen Menschen spricht - offline, bei einem guten Bier.

 

Vielleicht stellen sich am Ende Trumps Wahl und der Cambridge Analytica-Skandal als Segen für die Demokratie heraus - weil sie uns deutlich machen, wie massiv wir manipuliert wurden und werden. Vielleicht helfen sie uns dabei, zu verstehen, wie fragil Demokratien sind, und wecken (endlich) unsere Abwehrkräfte gegen Engstirnigkeit, Intoleranz und Demagogie. Das ist jedenfalls meine Hoffnung und auch einer der Gründe, warum ich Bücher wie "Mirror" und "Boy in a White Room" schreibe.

 

Nachtrag 25.3.18: Ein sehr witziges kurzes Onlinespiel zum Thema Desinformation gibt es hier: https://www.getbadnews.com/#intro. Leider nur auf Englisch.

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