Lasst uns 2021 die richtigen Fehler machen!

2020 haben wir alle viele Fehler gemacht, genau wie 2019 und in den Jahren davor. Das liegt nicht nur in der Natur des Menschen, sondern in der Natur von Entscheidungen: Nicht immer kann man vorher wissen, ob eine Entscheidung richtig ist. Manchmal stellt sich das erst Jahre später heraus. Manchmal allerdings entscheidet man sich falsch, obwohl das Ergebnis vorher feststeht.

Diese Erkenntnis hat mich schon vor Jahren dazu geführt, Fehlentscheidungen in vier Kategorien einzuteilen, je nachdem, ob schon vorher klar ist, dass die Entscheidung falsch ist, und ob sie zu aktivem Handeln oder passivem Nichtstun führt. Man kann Fehler dann in einem Vier-Felder-Diagramm klassifizieren, wie es Unternehmensberater gern tun.

Oben links finden sich aktive Handlungen, von denen schon vorher klar ist, dass man sie besser nicht tun sollte. Ich nenne sie „dumme Fehler“. Man sollte meinen, dass sowas kaum jemals vorkommt, aber das stimmt leider nicht: Ich esse zum Beispiel zu viele Süßigkeiten und auch in dieser Silvesternacht kamen wieder Dummköpfe ins Krankenhaus, die sich mit selbstgebastelten Böllern schwer verletzt haben. Immerhin sind solche „dummen Fehler“ leicht zu erkennen und auch relativ leicht zu vermeiden. Wir können uns also für das neue Jahr vornehmen, möglichst wenig offensichtlichen Blödsinn zu machen.

Schon schwieriger zu vermeiden sind die Fehler aus „Nachlässigkeit“ unten links. Wer wie ich zu wenig Sport treibt oder unangenehme, aber notwendige Dinge immer wieder vor sich herschiebt, weiß, was ich meine. Die menschliche Nachlässigkeit, z.B. in Form von Nichtbeachtung der Abstands- und Maskenregeln, ist ein entscheidender Faktor für die Ausbreitung des Coronavirus und damit für den vermeidbaren Tod vieler Menschen. An guten Vorsätzen, die eigene Nachlässigkeit zu bekämpfen, mangelt es um diese Jahreszeit meistens nicht. Sie umzusetzen, ist oft schwierig, weil wir Menschen nun mal bequem sind.

Die dritte Fehlerkategorie unten rechts nenne ich „Angststarre“. Sie ist vielleicht am schwierigsten zu vermeiden, obwohl die Folgen oft gravierend sind. Unternehmen, die sich nicht rechtzeitig auf Veränderungen einstellen, leiden ebenso darunter wie Menschen, die ihre Träume nicht verfolgen oder notwendige Entscheidungen vor sich herschieben, weil sie Angst davor haben, einen Fehler zu machen. Wir übersehen dabei oft, dass etwas nicht zu tun auch eine Entscheidung ist.

Man sagt, dass man auf dem Sterbebett weniger die Dinge bereut, die man getan hat, als die, die man nicht getan hat. Oft ist „Angststarre“ der Grund für solche Reue. Als im Jahr 2005 meine Zeit bei dem von mir gegründeten Start-up Kiwilogic endete, hatte ich die Idee, ein neues Start-up für Browsergames zu gründen, ein damals noch ganz neues Feld, in dem Firmen wie Innogames und Bigpoint später enorm erfolgreich wurden. Doch nach dem Misserfolg von Kiwilogic traute ich mich nicht und ging stattdessen auf Nummer Sicher, zurück in die Unternehmensberatung. Obwohl ich nicht weiß, ob meine Idee erfolgreich gewesen wäre, bereue ich es heute, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Oben rechts in meinem Diagramm findet sich schließlich die einzige Kategorie von Fehlern, die ich vorbehaltlos empfehlen kann: „fehlgeschlagene Experimente“. Wenn man eine Entscheidung trifft, die zu aktivem Handeln führt und von der man vorher nicht weiß, ob sie richtig ist, kann das teuer und schmerzhaft werden. Aber solche Fehlschläge haben gegenüber den drei anderen Fehlerkategorien einen entscheidenden Vorteil: Man kann aus ihnen lernen. Wenn man schon vorher weiß, dass eine Entscheidung falsch ist (linke Seite des Diagramms), wird man dadurch, dass man sie trifft, nicht schlauer. Ebenso kann man durch Nichtstun (untere Hälfte des Diagramms) keine Erfahrung gewinnen und keine Fähigkeiten verbessern. Nur durch aktives Handeln unter Unsicherheit (oben rechts) entwickelt man sich weiter.

Ich habe in meinem Leben jede Menge fehlgeschlagene Experimente gemacht: Start-ups gegründet, die nicht erfolgreich waren, Bücher geschrieben, die sich kaum verkauften oder gar nicht erst veröffentlicht wurden, Spiele entwickelt, die kaum jemand spielen wollte. Im letzten Jahr habe ich einen Roman in Dialogform geschrieben und musste feststellen, dass ich damit die Verlage und womöglich auch die Leser überfordert habe. Doch ich bin auf jeden einzelnen dieser Fehlschläge stolz, denn sie alle haben mich weitergebracht.

Ich habe drei komplette Romane geschrieben, die niemand verlegen wollte, bevor ich mit „Das System“ meinen ersten Verlagsvertrag bekam und einen Hit landete. Das Buch wäre ohne die Erfahrung aus den vorherigen Fehlschlägen nicht möglich gewesen.

2011 wurde mein Roman „Glanz“ über einen Jungen, der in einer Computerspielwelt gefangen ist, veröffentlicht. Das Konzept basierte auf einem unveröffentlichten Jugendroman namens „Lichtschmecker“. „Glanz“ war als erster Roman überhaupt gleichzeitig als lineares und als in Teilen interaktives E-Book verfügbar, was viel Arbeit gemacht hat. Leider fiel das Buch bei den Lesern durch und ist bis heute mein am schlechtesten bewerteter Roman. Doch ich habe daraus gelernt und die Idee in dem Jugendbuch „Würfelwelt“ erneut weiterentwickelt. Damit landete ich dank Concrafter auf Platz 2 der Amazon-Charts und startete eine erfolgreiche Serie von Minecraft-Romanen. Die Grundidee von „Lichtschmecker“, „Glanz“ und „Würfelwelt“ findet sich auch in „Boy in a White Room“ wieder, einem meiner größten Erfolge.

Kurz gesagt verdanke ich meine Karriere als Schriftsteller dem Mut, Fehlschläge zu riskieren, die auch prompt eintraten, aus denen ich aber lernen konnte, wie es besser geht. Zumindest muss ich auf meinem Sterbebett nicht bereuen, diesen Traum aufgrund von „Angststarre“ nicht verfolgt zu haben. Auch für 2021 habe ich mir vorgenommen, wieder etwas ganz Neues zu versuchen und damit einen Fehlschlag zu riskieren (in Kürze mehr dazu). Ich hoffe natürlich, dass die Idee ein Erfolg wird, aber wenn nicht, werde ich auf jeden Fall etwas daraus lernen.

Ich wünsche mir selbst und all meinen Leserinnen und Lesern für 2021 die Klugheit, dumme Fehler, Nachlässigkeit und Angststarre zu vermeiden und den Mut, die „richtigen“ Fehler zu machen!

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Kommentare: 2
  • #1

    Heinrich (Donnerstag, 14 Januar 2021 05:57)

    ..... und die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. ;)

  • #2

    Karl Olsberg (Donnerstag, 14 Januar 2021 11:42)

    @Heinrich: Ja, Gelassenheit können wir in dieser Zeit alle gebrauchen!