Warum wir Künstliche Intelligenz unterschätzen

Die Diskussion über die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz ist meines Erachtens durch einige häufige Denkfehler und Fehleinschätzungen geprägt. Ich will hier nicht auf alle eingehen, das würde den Rahmen sprengen. Aber eine besonders wichtige ist, dass wir die Veränderungsgeschwindigkeit systematisch falsch einschätzen.

 

Der Grund dafür ist, dass technische Veränderungen, besonders im Bereich der Computer, meistens einen exponentiellen Verlauf haben (siehe letzter Beitrag zum Thema). Unser Gehirn ist jedoch nicht dafür gemacht, solche Veränderungen zu beurteilen. Es wurde geprägt in einer linearen Welt der Newtonschen Mechanik, in der exponentielle Veränderungen nicht häufig genug vorkommen, um einem Gehirn, das darauf ausgerichtet ist, einen evolutionären Vorteil zu verschaffen.

 

Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Für einen Steinzeitmenschen war es wichtig, Gefahren richtig einzuschätzen. Wenn er z.B. einen Säbelzahntiger sah, der in hundert Metern Entfernung auf ihn zurannte, dann musste er blitzschnell einschätzen können, wie viel Zeit ihm noch blieb, um zu fliehen oder sich auf einen Kampf vorzubereiten. Unser Gehirn ist daher sehr gut darin, Bewegungen zu analysieren - sofern sie linear verlaufen. Im Beispiel braucht der Säbelzahntiger zehn Sekunden, bis er den Steinzeitmenschen erreicht. Das kann dieser schon nach den ersten zwei Sekunden recht zuverlässig einschätzen, denn die Bewegung erfolgt weitgehend gleichförmig. Nach der Hälfte der Zeit hat das Tier die Hälfte der Strecke zurückgelegt.

 

Wie anders sähe es aus, wenn sich der Säbelzahntiger nicht linear, sondern mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit bewegen würde? Nach der ersten Sekunde hätte er sich nur wenige Zentimeter bewegt, auf die Entfernung kaum wahrnehmbar. Nach fünf Sekunden - der Hälfte der Zeit - hätte er gerade mal drei Meter zurückgelegt. Der Steinzeitmensch würde denken: "Bis der hier ist, kann ich in Ruhen noch ein paar Pilze pflücken." Dann jedoch wird der Tiger spürbar schneller. Nach sieben oder acht Sekunden wird dem Steinzeitmenschen dann doch mulmig und er sieht sich nach Fluchtmöglichkeiten um. Doch es ist zu spät: Nach neun Sekunden ist das Raubtier zwar immer noch die Hälfte der Strecke weit entfernt, doch nur eine Sekunde später springt es ihn mit der Geschwindigkeit eines Formel-1-Rennwagens an.In so einer Welt hätten wir mit unserem linearen Gehirn nicht lange genug überlebt, um Computer zu bauen.

 

 

Doch Säbelzahntiger verhalten sich eben nicht exponentiell, und deshalb wirken solche Gedankenspiele auch sehr seltsam. In der technischen Entwicklung, besonders in der Entwicklung der Computer, ist exponentielles Wachstum jedoch Realität. Dies führt zu einem Effekt, den Bill Gates einmal so auf den Punkt gebracht hat: "Jede neue Technologie wird kurzfristig über- und mittelfristig unterschätzt." Da wir linear denken, erwarten wir bei Einführung neuer Technik schnell erste Erfolge. Wenn die ausbleiben, entsteht eine Phase der Enttäuschung, "die Hype-Blase platzt". Eine Zeitlang sieht es so aus, als würde diese Technik doch nicht so viel bewirken wie gedacht. Und dann, plötzlich, schießt die Entwicklung buchstäblich durch die Decke und trifft viele unerwartet. Beispiele dafür sind die Einführung des Telefons, des Autos, der Computer, des Internets, des E-Books ... und eben meines Erachtens auch der Künstlichen Intelligenz. Besonders typisch für diesen Effekt sind Aussagen wie: "Das haben die KI-Forscher schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren behauptet, und dann ist es doch nicht passiert."

 

Bill Joy hat in seinem Essay "Warum die Zukunft uns nicht braucht" geschrieben, er könne sich vorstellen, dass Computer in dreißig Jahren die Leistungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns erreichen könnten. Bei dem Gedanken, dass er dabei sein könnte, die Technik mitzuentwickeln, die dann einmal Menchen ersetzen könnte, war ihm unwohl. Das war im Jahr 2000. Unser linearer Verstand sagt uns, dass die Hälfte der prognostizierten Zeit bereits verstrichen ist, ohne dass wir "Maschinen, die so intelligent sind wie ein Mensch" wesentlich näher gekommen wären. Die Logik der exponentiellen Entwicklung sagt uns, dass in der ersten Hälfte der Zeit drei Prozent des Wegs zurückgelegt werden, in der zweiten Hälfte siebenundneunzig (davon die Hälfte in den letzten zehn Prozent). 

 

Wir wissen nicht genau, an welchem Punkt der Exponentialkurve wir uns befinden, und in der Realität ist es natürlich nicht eine Kurve, sondern viele miteinander vernetzte, was den Überraschungseffekt noch erhöht. Doch meines Erachtens werden wir schon bald in den steilen Teil der Entwicklung oberhalb unserer Erwartungskurve eintreten, der viele, wenn nicht alle von uns ziemlich überraschen dürfte.

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Kommentare: 1
  • #1

    Axel Rittershaus (Sonntag, 24 Juli 2016 18:08)

    Lieber Herr Olsberg,

    Ich kann Mirror kaum noch erwarten, die Kostproben sind schon exzellent :)

    Darf ich Ihre Visualisierung zur exponentiellen Geschwindigkeit für einen Artikel in der Computerwoche und ein Buch, an dem ich im Moment arbeite, verwenden? Es ist die beste Darstellung der Problematik die ich bisher gesehen habe.

    Beste Grüße

    Axel Rittershaus
    PS: Sie können über meine Homepage mit mir in Kontakt treten, da ich in diesem Formular leider keine E-Mail-Adresse hinterlassen kann. Danke.

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