Die Mensch-Maschine

Seit ich ein Teenager bin, hat mich ihre Musik fasziniert wie kaum eine andere: Kraftwerk waren mit ihren Elektroniksounds in den Siebzigerjahren ihrer Zeit weit voraus. Seit ich zum ersten Mal "Radioaktivität" hörte, wusste ich: So etwas will ich auch machen! Im Alter von 18 Jahren kaufte ich mir meinen ersten Synthesizer, ein Ungetüm mit zahllosen Knöpfen, auf dem man nur einen Ton gleichzeitig spielen konnte. Später kamen ein Vierspur-Tonbandgerät und ein Drumcomputer hinzu. Zum Glück hat kaum jemand je die Ergebnisse meiner musikalischen Experimentierfreude gehört. An die minimalistischen, irgendwie schrägen und doch so eingängigen Werke meiner großen Vorbilder reichten sie jedenfalls bei Weitem nicht heran.


Dabei haben sich Kraftwerk nie als "Band" im klassischen Sinn verstanden - sie waren immer ein Kunstprojekt. Die Inszenierung ihrer Musik war und ist ihnen ebenso wichtig wie die Musik selbst. Das konnte man bei ihrem eindrucksvollen Konzert gestern im CCH sehen - es war das erste Mal in der über vierzigjährigen Kraftwerk-Geschichte, dass ich bei einem ihrer seltenen Konzerte dabei sein durfte, und ich habe mir damit zusammen mit zwei meiner Söhne einen lang gehegten Wunsch erfüllt.


Die raffiniert eingesetzte 3D-Film-Kulisse bildete den perfekten Rahmen für die sterile Techno-Musik. Doch dahinter steckt auch eine Philosophie, die sich in der visuellen Darstellung ebenso wie in den Texten wiederspiegelte. Früher als andere haben sich Kraftwerk mit den elementaren Fragen einer immer engeren Verbindung von Mensch und Technik beschäftigt, und hinter der vordergründigen Technologiebesessenheit steckt in Wahrheit auch eine Menge Mahnung und Kritik. Damit haben sie schon lange vor dem Zeitalter von "Big Data" und NSA-Skandalen dieselben Fragen aufgegriffen, die auch mich in meinen Büchern immer wieder beschätigen: Was macht die Technik mit und aus uns Menschen? Und wie viel menschlicher Freiraum bleibt uns noch, wenn wir immer mehr mit den Maschinen verschmelzen, ihnen immer mehr Raum in unserem Leben geben?


In den 1970ern waren Kraftwerk-Songs in Musik verwandelte Science Fiction. Heute wirken sie fast schon anachronistisch - an die Stelle der sich ruckartig bewegenden Roboter und knarzenden Synthetikstimmen sind in der Realität längst die freundliche Siri und die unsichtbaren, fast allwissenden Elektronengehirne der großen Such- und Überwachungsmaschinen getreten. Doch die Themen, die Kraftwerk in ihrer Musik verarbeiten, sind aktueller denn je. Ich bin dankbar, diese großen Visionäre der elektronischen Musik live erlebt zu haben.

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